Von Nadja Kadel
Nach seinem Dortmunder Debüt in der Spielzeit 2008 / 09 hat der katalanische Choreograph Caetano Soto für diese Spielzeit ein Carmen-Ballett geschaffen. Es ist natürlich kein Zufall, dass sich ein Spanier diesem spanischsten aller Bühnenstoffe zuwendet. Doch hat diese nur auf den ersten Blick evidente Verbindung bei genauerem Hinsehen durchaus ihre problematische Seiten. Ist doch die Geschichte von der schönen andalusischen Zigeunerin Carmen weniger spanisch, als man meint: Die aus dem Jahr 1845 stammende Vorlage des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée. Und es war wiederum ein Franzose, der den Stoff drei Jahrzehnte später weltberühmt gemacht hat, Georges Bizet mit seiner Opéra comique Carmen. Diese und zahlreiche spätere Rezeptionen und Adaptionen der in die Mythologie des Geschlechterkampfes gehörenden Geschichte zeugen vom Erfolg von Mérimées Novelle und beweisen, dass sich der Stoff bestens für einen Transfer in alle Kulturen und historischen Kontexte eignet. Ähnliches gilt im Übrigen auch für Bizets Musik: Ein Beispiel dafür ist etwa die Kondensation der Opernmusik in eine kürzere Orchestersuite durch den russischen Komponisten Rodion Shchedrin (1967). Auf sie stützen sich die meisten modernen Tanzfassungen, und auch Soto legt sie seiner Interpretation zugrunde. Der Carmen-Stoff hat somit von Anfang an den Charakter eines Hybrids und hat so viele Metamorphosen durchlaufen, dass von etwas authentisch Spanischem nicht mehr die Rede sein kann. Für einen spanischen Choreographen bedeutet dies eine besondere Herausforderung.
Carmen erscheint geradezu als Musterbeispiel dafür, wie ein Werk durch die Form der Aufführungspraxis und der Rezeption umgedeutet werden kann. Die komplexen Rezeptionswege sind allerdings schon in der Struktur der Novelle angelegt. Während das Libretto von Bizets Oper den Stoff auf eine für seine Zeit zwar kühne, aber eindimensionale Geschichte um fatale Liebe und die Spannung zwischen männlichem Besitzanspruch und weiblichen Freiheitsdrang reduziert, stellt sich die Erzählsituation der Novelle wesentlich vielschichtiger dar. Ihr Hauptkennzeichen ist die Einbettung des tragischen Geschehens in eine Rahmenhandlung, in der ein eigentlich an archäologischen Grabungen in Spanien interessierter Ich-Erzähler zufällig und zeitlich versetzt die beiden Hauptfiguren, den Basken Don José und die Zigeunerin Carmen, kennen lernt. Erst am Ende, bei seiner letzten Begegnung mit dem auf seine Hinrichtung wartenden Don José, erfährt er aus dessen Mund den gesamten Hergang der Geschichte. Der Anspruch der wissenschaftlichen Distanziertheit des Erzählers wird noch einmal dadurch unterstrichen, dass die Novelle mit einer kleinen Abhandlung über die Zigeunersprache endet. Er handelt sich also um ein sehr komplexes narratives Verfahren, das mindestens drei Ebenen ineinander verschachtelt: die des Wissenschaftlers und Ich-Erzählers der Rahmenhandlung, in der Retrospektive des zweiten Erzählers, Don José, und die der eigentlichen Protagonisten, in deren Handeln der Erzähler der Rahmenhandlung aber wiederum mehrmals direkt eingreift.
Eine Deutung, die von dieser narrativen Struktur ausgeht, kann sich also nicht damit zufrieden geben, einfach nur den Mythos der Carmen zum wiederholten Male nachzutanzen. Soto hat sich gerade deshalb von Mérimée inspirieren lassen, die Gemachtheit und Hybridität des Mythos zur Anschauung zu bringen. Zwar folgt die Handlung seines Balletts auch den bekannten Situationen: Zu sehen sind etwa die Begegnung des Soldaten Don José mit Carmen in Sevilla, die Wachablösung, der Streit Carmens mit anderen Arbeiterinnen in der Zigarrenfabrik, Carmens Verhaftung durch Don José, ihre von ihm gebilligte Flucht und seine Degradierung, die leidenschaftliche Liebe des Paares, das Schmugglerleben, Don Josés Morden aus Eifersucht, Carmens Affäre mit dem Torrero Lucas, Don Josés Eifersucht und schliesslich sein Mord an Carmen. Doch Soto lässt auch die Rahmenhandlung zu ihrem Recht kommen, indem er den Erzähler – Mérimée als weitere Hauptfigur einführt. Dessen in der Novelle letztes Gespräch mit Don José eröffnet das Ballett. Später lernt der Erzähler auch Carmen kennen und lässt sich von ihr die Karten legen. Kurz vor dem Ende interveniert er ein weiteres Mal, wie um den tödlichen Ausgang des Konflikts noch abzuwenden. Das ist eine Lesart, die über Mérimées Vorlage noch hinaus geht. Doch der Versuch des Erzählers ist vergeblich, denn es zeigt sich, dass auch er letztlich keine Chance hat gegen das Schicksal, das die Figuren, die er doch selbst erfunden hat, fest im Griff hält.
Die Mehrdimensionalität des Carmen-Stoffs, auf die Sotos Version Bezug nimmt, findet ihre Entsprechung sowohl im Bühnenbild als auch in der musikalischen Gestaltung. Shchedrins von der Dortmunder Philharmonikern gespielte Carmen-Suite wird mit anderen musikalischen Elementen zu einer Collage verbunden. Neben französischen und spanischen Chansons des 20. Jahrhunderts werden insbesondere Originalaufnahmen von Geräuschen aus Flamenco-Proben des Ballettt Nacional de España integriert. Es geht auch hier nicht darum, eine originale „Hispanizität“ wiederherzustellen. Vielmehr soll auch auf musikalischer Ebene die Spannung zwischen dem stets flüchtigen, ursprünglichen „Spanischen“ und seinen nie authentischen Rezeptionsformen vorgeführt werden. Konsequenterweise verzichten auch die Kostüme auf eine folklorischtes Rekonstruktion von spanischem Pathos, spielen allerdings durchaus auf iberische Kleiderformen an. Die Entwürfe stammen aus der haute Couture, nämlich von den Münchner Modedesigners Talbot Runhof.
Die Tatsache, dass die Musik stellenweise von Geräuschen aus der Flamencotanz unterbrochen wird, bedeutet nicht, dass Sotos choreographischer Stil vom Flamenco beeinflusst wird. Er hat sich in seiner Carmen zwar einige Anspielungen auf den traditionellen spanischen Tanz nicht nehmen lassen, dich die Basis seiner Bewegungssprache ist das klassische Ballett. Dessen Kanon wird jedoch häufig von geflexten und einwärts gedrehten Füssen und von wellenförmigen Bewegungen der Oberkörper modifiziert. Vor allem die Pas de deux sind technisch sehr anspruchsvoll, verlangen schnelle und ungewöhnliche, manchmal geradezu akrobatische Bewegungen. Diese Carmen fordert den Tänzern alles ab.
c Bilder: Theater Dortmund



Wer Interesse an meinem Fotobuch hat (Fr. 54.-),
«So langsam kommt Wehmut auf», sagt eine Sängerin des Theatergesellschaftschores. Monatelang war geprobt worden. Seit der Premiere im Januar stehen Wochenende für Wochenende weit über hundert Mitwirkende auf und hinter der Bühne. Man ist eine Familie geworden, egal ob Solist oder Bühnenarbeiter, Küchenmannschaft oder Orchester. Der Umgang ist herzlich, im Jägerstübli sammeln sich in der Pause Flamencotänzer, Soldaten und Escamillo um José und verfolgen den Match Federer gegen Murray. Und Dirigent Kurt Koller klagt scherzhaft: «Ich bin erst beim zweiten Wienerli, und der Inspizient ruft schon aus!» Das alles wird am 4. April zu Ende gehen, wenn sich der Vorhang ein letztes Mal über Carmens Tod senkt. Respektive der imaginäre Vorhang, denn wegen der Vorbühne wird lediglich das Licht ausgeknipst. Wie Carmens Leben eben auch.
Speziell an der Wiler »Carmen» ist das Flamenco-Ensemble der Arboner Tanzwerkstatt. Monika Käufeler aus dem TGW-Vorstand hatte in der Region verschiedene Flamenco-Gruppen angeschrieben. Auch Diego Gonzales hatte ein paar Vorschläge eingereicht und bekam den Zuschlag. Aus einzelnen Auftritten im zweiten und vierten Akt entstand dann in der Zusammenarbeit mit Regisseurin Monika Wild das Konzept, die Geschichte der Oper «Carmen» völlig autonom vom Bühnengeschehen während der jeweiligen Vorspiele zu den Akten tänzerisch darzustellen. Aus dieser spontanen Idee entwickelte sich ein Publikumsmagnet, welcher bei jeder Vorstellung begeisterten Applaus auslöst und zu einem der Faszinationspunkte der Inszenierung zählt.
Bald schon werden die Kulissen wieder auseinandergenommen und weggeräumt, die Requisiten eingelagert oder wieder an Brockenhäuser oder grosse Theaterhäuser zurückgegeben. So hatte das Stadttheater St. Gallen bei den Gewehren ausgeholfen, und die Uniformen stammen aus einem Kostümverleih. Nichts wird mehr bleiben, anders als in einem ständigen Theaterbetrieb wird in ein paar Wochen wieder der Normalbetrieb im Stadtsaal aufgenommen werden. Der Osborne-Stier wird nie mehr auf das Publikum von anderen Anlässen herunterblicken. Und wo wird wohl die Katzenkistli-Schaufel landen, mit der Oscar Süess allabendlich nach dem ersten Akt die Zigarettenkippen aus dem Sandeimer herausfischte, die die Zigarettenarbeiterinnen dort entsorgt hatten?
Drei Garderobefrauen sind für die Theatergesellschaft Wil tätig: Seraina Senn und Waltraud Silveri, beides Sängerinnen des Chores zu St. Nikolaus, der zum Teil bei der «Carmen» auf der Bühne steht, ausserdem Gretli Steiner, deren Mann Erwin ebenfalls mitwirkt. Sollte es zu einem Ausfall kommen, steht Margrit Meyerhans als Aushilfe zur Verfügung.
Einfache Reparaturarbeiten sind kein Problem, aber es ist auch schon vorgekommen, dass Mona Somms Rüschen durch einen Fehltritt heruntergerissen wurden – das braucht schon einen grösseren Eingriff. Dafür ist dann Waltraud Silveri zuständig, die von den Kostümbildnern Walter Joss und Vivat Techavanekin ausführlich instruiert und mit genügend Ersatzmaterial versorgt worden war – so sind auch geplatzte Reissverschlüsse kein Problem. Unter der Woche wird auch die eine oder andere Waschmaschine gefüllt: Theaterkleider sind einer intensiven Nutzung ausgesetzt, Schmutz und Schweiss sind normal und gehören dazu.


